„Niemand sollte oder muss mit diesem Schicksal allein sein“

Pia Dinnebier von der AllgäuPflege berät Angehörige von Demenzerkrankten

Foto: Kiehl

Wenn sich bei den eigenen Eltern oder anderen nahestehenden Personen demenzielle Veränderungen bemerkbar machen, ist das für die Familien zunächst ein Schock. Viele wollen die fortschreitende Erkrankung nicht wahrhaben, manche schämen sich, andere opfern sich bis zur Selbstaufgabe für die Betroffenen auf. Pia Dinnebier von der AllgäuPflege kennt und versteht die Menschen mit ihren Sorgen, ihrer Überlastung und ihren oft widerstreitenden Gefühlen. Sie berichtet aus ihrem Alltag mit demenziell veränderten Senioren, von deren typischen Verhaltensweisen und von der Wichtigkeit, Unterstützungsangebote anzunehmen.
 

„Wenn ein naher Angehöriger an Demenz erkrankt, ist das für alle Betroffenen schwer zu ertragen. Die Aussicht, dass die geliebte, vertraute Person nach und nach ihr Gedächtnis und ganz alltägliche Fähigkeiten verlieren und zum Pflegefall werden wird, ist ein Schock, der verarbeitet werden muss“, weiß Pia Dinnebier, die Pflegedienstleiterin der Ambulanten Pflege und der Tagespflege der AllgäuPflege gGmbH in Sonthofen. „Wir erleben es häufig, dass Angehörige die beginnende Demenz eines Elternteils oder Partners aus Selbstschutz lange Zeit leugnen, auch wenn alle Anzeichen darauf hindeuten - etwa, weil die Person plötzlich massiv Namen vergisst, vertraute Menschen nicht mehr erkennt, orientierungslos wirkt, wenn die Zahnpasta nicht mehr auf der Bürste landet sondern in der Pfanne, der Herd nicht mehr sicher bedient werden kann, der Betroffene mitten in der Nacht zu Besorgungen aufbrechen will, plötzlich aggressiv reagiert und vieles mehr. Es ist schwer, sich der erschreckenden Diagnose zu stellen“, weiß die Altenpflegerin. Zumal Demenz für viele etwas sei, das „die anderen“ betrifft, „aber doch nicht die eigene Familie“.

Ganz wichtig sei es, sich zeitnah Unterstützung, Hilfe und Beratung zu suchen, appelliert sie. Beim Verdacht auf eine beginnende Demenz könne dies zunächst der Hausarzt sein oder auch eine Demenz- oder Pflegeberatungsstelle, wie sie die AllgäuPflege in Sonthofen betreibt. „Wenn die Menschen zum ersten Mal zu uns kommen, ist schon ein großer, wichtiger Schritt getan. Allein, sich mit jemandem offen über das Thema auszutauschen, tut schon gut. Dabei fließen oft Tränen der Trauer und der Erleichterung darüber, endlich verstanden zu werden.“ Demenz sei nichts, wofür man sich schämen müsse, betont Pia Dinnebier nachdrücklich. Ebenso wenig wie für die Tatsache, dass man sich mit der Betreuung oder Pflege des Betroffenen überlastet fühlen könne. „Aufgrund unserer langjährigen Arbeit mit dementen Menschen haben wir größtes Verständnis. Wir wissen, was pflegende Angehörige tagtäglich rund um die Uhr leisten. Niemand sollte oder muss allein sein mit diesem Schicksal. Hilfe anzunehmen ist ganz wichtig.“

Diese kann ganz unterschiedlich aussehen. Etwa in Form einer umfassenden Beratung, in der Unterstützung durch einen ambulanten Pflegedienst, in stationärer Pflege oder indem die betroffenen Senioren eine Tagespflege besuchen. Letztere sei eine gute ergänzende Option, wenn die Angehörigen sich nach wie vor zu Hause um ihre Lieben kümmern möchten. Die Tagespflege in Sonthofen beispielsweise kann an bis zu fünf Werktagen in der Woche besucht werden. Die Senioren werden dort von kompetentem Pflegepersonal liebevoll betreut, nehmen gemeinsam Mahlzeiten ein und können vielfältige individuelle Beschäftigungsangebote annehmen. „Diese Stunden sind eine große Entlastung für die Angehörigen“, weiß Pia Dinnebier. Als die Einrichtung nach dem Corona-Lockdown wieder öffnen durfte, sei die Erleichterung greifbar gewesen. Aufgrund der Pandemie können derzeit allerdings nur 12 von eigentlich 20 Plätzen vergeben werden. „Wir wissen, wie hart das für die Menschen ist, die dringend Unterstützung bräuchten. Leider sind uns die Hände gebunden.“

Diejenigen Gäste, die die Tagespflege besuchen könnten, seien sehr gern dort und nähmen aktiv an den Angeboten teil, sagt sie. „Sie genießen die sozialen Kontakte, das Miteinander, die Unterhaltung und die Beschäftigungsmöglichkeiten. Und sie erleben, dass sie noch mithelfen und etwas leisten können – etwa beim Gemüseschneiden fürs Mittagessen.“ Die sieben Teammitglieder sähen im Lauf des Tages, wo die Gäste innerlich gerade stünden, was ihre aktuellen Bedürfnisse seien und wie sie da abgeholt werden könnten. Da gebe es etwa einen Herrn, den immer wieder plötzlich das Heimweh überfällt und der dann schlagartig nach Hause aufbrechen will. „Ihn aufzuhalten - und sei es nur durch sanftes an der Hand nehmen und Umlenken - ist rechtlich nicht erlaubt“, betont Pia Dinnebier. „Durch gutes Beobachten und engen Austausch finden wir aber eigentlich immer einen guten, gangbaren Weg aus solchen Situationen.“ Besagter Herr bleibe beispielsweise gerne da, wenn man ihn in ein Gespräch verwickele. Patentlösungen für alle Problemstellungen gebe es nicht, muss sie einschränken. „Aber eine gute Beratung kann viele hilfreiche Wege aufzeigen.“
Die Pflegeberatungsstelle der AllgäuPflege gGmbH befindet sich am Spitalplatz 3 in Sonthofen, in der Ambulanten Pflege. Terminvereinbarungen unter der Telefonnummer 08321 – 665963.

Wir verwenden Cookies, um Inhalte gegebenenfalls zu personalisieren und optional die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren.
Sie akzeptieren unsere technisch notwendigen Cookies, wenn Sie fortfahren diese Webseite zu nutzen.