Fachtag für Bürgermeister

„Zukunftsfähige Versorgungsstrukturen für ältere Menschen – Eine kommunale Pflichtaufgabe“, so lautete der Titel des Fachtags, zu dem die AllgäuPflege sämtliche Bürgermeister der Oberallgäuer Städte und Kommunen sowie Stadt- und Gemeinderäte nach Sonthofen eingeladen hatte. Etliche Rathauschefs waren dem Ruf gefolgt und folgten interessiert den Ausführungen der renommierten Referenten. Ulrich Gräf, Geschäftsführer der AllgäuPflege gGmbH, betonte: „Den Städten und Kommunen kommt in puncto Zukunftsvorsorge für versorgungs- und pflegebedürftige Bürger eine ganz zentrale, verantwortungsvolle Rolle zu. Unser Fachtag soll damit einhergehende Problematiken sowie tragfähige Lösungsansätze aufzeigen.“

Die Referenten deckten ein breites Themenspektrum rund um die aktuellen und künftigen Anforderungen ab, denen sich Städte und Kommunen im Hinblick auf die Pflege und Beratung ihrer älteren Bürgerinnen und Bürger gegenübersehen.

Ralph Eichbauer, Abteilungsleiter der Abteilung Soziales und Sicherheit am Landratsamt Oberallgäu, gab Einblicke in die Bedeutung, die das Pflegestärkungsgesetztes III (PSG III) für die Kommunen hat. „Landkreis und Gemeinden werden in Zukunft eine aktivere Rolle auch im Bereich Pflege spielen“, so der Jurist, „denn es ist der klare Wille des Gesetzgebers wie auch der weit überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung, dass die Menschen so lange wie möglich in ihrer gewohnten Umgebung bleiben können“. Um dieser Verantwortung gerecht zu werden, müssten sich alle Akteure mit den Rahmenbedingungen vertraut machen und diese neue Rolle annehmen (wollen). „Der Schlüssel für den Erfolg ist die Zusammenarbeit und das Netzwerk innerhalb des Landkreises, innerhalb der Gemeinden und mit anderen Akteuren in Versorgungsregionen.“

Prof. Hubert Oppl, Geschäftsführender Gesellschafter der Unternehmensberatung S.I.C. Sozialimmobilienconsulting GmbH lieferte interessantes Zahlenmaterial über die Auswirkungen der Demografie auf die Kommunen im Oberallgäu. Der Anteil der Altersgruppe 65+ liegt aktuell im Landkreisdurchschnitt bei 22,77 Prozent. Bis 2028 sei mit einem Zuwachs um 19,50 Prozent zu rechnen, so Oppl. „Sechs der Gemeinden haben bereits jetzt einen überproportionalen Anteil an Senioren, als Folge von Zuzügen von außen bzw. als Folge eines Urbanisierungstrends in der Vergangenheit, teils auch von Standorten von Pflegeheimen und Seniorenwohnungen.“ Das Minimum der „Alterslast“ liege derzeit in Wildpoldsried, das Maximum in Altusried. Die Pflegequote in Bayern sei im Jahr 2015 mit 2,9 Prozent am geringsten gewesen. In den kommenden Jahren werde sie im Bundesvergleich mit 39,5 Prozent zwar am stärksten ansteigen, dabei dennoch im Vergleich auch weiterhin hinter den meisten Bundesländern zurückbleiben. „Allerdings steigen die Pflegefallzahlen in Bayern deutlicher an, als der Anteil der über 65-Jährigen. Damit kann sich der Nachfragedruck in Richtung vollstationäre Angebote erhöhen, falls qualifizierte Wohnangebote als Alternative nicht hin hinreichendem Umfang geschaffen werden können.“ Der Bedarf im vollstationären Bereich sowie im Bereich des klassischen Betreuten Wohnens werde deutlich sinken, prognostizierte Oppl. Demgegenüber sei für den Bereich „Wohnen mit Dienstleistungen“ mit einer Steigerung zu rechnen. Hinzu komme ein wachsender Bedarf an Tagespflegeplätzen. Im internationalen Vergleich sieht er Nachholbedarf für Deutschland. „Holland, Dänemark und dem Grunde nach auch Österreich haben den Weg für qualifiziertes Wohnen für Senioren bereits frei gemacht und mehr oder minder Hürden aufgerichtet, die einen Umzug in eine stationäre Einrichtung vermeiden.“ Holland etwa habe hat stationäre Häuser abgeschafft. „In Deutschland ist der Weg zwar klar, aber noch nicht geebnet, da geeigneter Wohnraum nicht in der erforderlichen Zahl und auch Qualität verfügbar ist. Nur jede fünfte Wohnung ist derzeit seniorengerecht“, monierte er.

Ein zentraler Aspekt des Fachtages lautete „Quartiersbildung“. Hiermit setzten sich drei der Referenten auseinander. Martin Kaiser, der Geschäftsführer des kommunalen Wohnungsbauunternehmens Sozial-Wirtschafts-Werk Oberallgäu (SWW), sprach über die Quartiersentwicklung als Lösungsansatz aus Sicht der Wohnungswirtschaft. „Ziel der Quartiersentwicklung ist die Schaffung eines lebendigen sozialen Raumes mit einem starken bürgerschaftlichen Engagement, mit dem sich die dort lebenden Menschen identifizieren können. Daher ist es von zentraler Bedeutung, den sozialen Zusammenhalt im Quartier zu organisieren“ zitierte er aus dem Konzept des Landes Baden-Württemberg. In einem Quartier benötige man: Eine soziale Infrastruktur - also soziale Beziehungen, Nachbarschaftsbegegnungen und Nachbarschaftshilfe -, eine räumliche Infrastruktur mit barrierefreien, öffentlichen Räumen und Treffpunkten zur Begegnung, bedarfsgerechte haupt- und ehrenamtliche soziale Dienstleistungen wie Beratungsstellen und Nahversorgung sowie bedarfsgerechte Wohnangebote, sprich: barrierefreie Wohnungen oder besondere Wohnformen. Allein die Barrierefreiheit stelle bei einigen Bestandsgebäuden des SWW eine Herausforderung dar, so Kaiser. Als positives Beispiel nannte er die Wohn- und Hausgemeinschaft von Menschen mit Behinderung und Senioren, die das SWW mit der Lebenshilfe Sonthofen und dem Verein Wahlfamilie unterhält.

Ulrich Gräf mahnte in seinem Impulsreferat an, in den Quartieren müssten zukunftsorientierte Wohn- und Betreuungsformen wie Servicewohnen, ambulant betreute Wohngemeinschaften und Tagespflegen ausgebaut werden. Die notwendige Versorgungssicherheit könne durch wohnortnahe Beratungsstelle, den Aufbau von Versorgungsketten (haushaltsnahe Dienstleistungen, niedrigschwellige Betreuungsangebote, technische Assistenzsysteme, entlastende Angebote für pflegende Angehörige, die Öffnung stationärer Einrichtungen im Quartier beispielswiese für Mittagstisch oder Veranstaltungen u.v.a.) gewährleistet werden. Die Kommunen sieht er in der Pflicht, Nahversorgungs-, Gesundheits- und Freizeitangebote in den Quartieren zu sichern. „Überdies ist es ihre Aufgabe, ein intergeneratives Miteinander zu fördern, indem sie Begegnungsstätten schaffen. Sie müssen Netzwerke und lebendige Nachbarschaften unterstützen, Koordinierungsarbeit für bürgerschaftliches Engagement leisten und dieses fördern“, so Gräfs Forderungen. Von einem Quartier würden letztlich alle Beteiligten profitieren, zeigte er sich überzeugt. „Die Quartiersbewohner profitieren von bedarfsgerechten Wohn- und Versorgungsstrukturen in ihrem Wohnumfeld. Die Kommunen können ihrer Aufgabe der effizienten Daseinsfürsorge nachkommen und dabei sogar Kosten einsparen. Für die Wohnungswirtschaft geht die Schaffung eines Quartiers mit einer passenden Wohnungsbelegungsstruktur, der Vermeidung von Umzügen und der Wertsteigerung der Immobilien einher. Und soziale Dienstleister werden in die Lage versetzt, ihre Dienstleistung konzentriert anzubieten. Sie profitierten von kurzen Wegen und Multiplikatoreneffekten und könnten sich so ihre Marktpositionen sichern.“

Um die Entwicklung und das Managen von Quartieren im digitalen Zeitalter ging es bei dem Vortrag von Torsten Anstädt, dem Director D/A/CH bei dem internationalen Unternehmen TKH Care Solutions, das sich seit mehr als 20 Jahren der Entwicklung und Umsetzung intelligenter Lösungen in Pflege und Betreuung widmet. Am Beispiel der Stadt Wiesbaden stellte er die städtische Organisation der Pflege heute vor – und wie diese zum Vorteil aller Beteiligten durch die Schaffung von Quartieren als real- und sozialvernetzte Viertel optimiert werden kann. Eine geriatrisch erprobte digitale Quartiers-Plattform erleichtere dabei die Kommunikation zwischen Patienten/Klienten und ihrer Familie, dem Quartiersmanager, Nachbarn und Dienstleistern wie Ärzten, Kliniken, Behörden, Pflegedienst oder Krankenkasse.

„Den Teilnehmern wurde an diesem informativen Vormittag ein ganzes Bündel an Wissen und Lösungsmöglichkeiten präsentiert“, resümiert Ulrich Gräf. „Bei einem gemeinsamen Mittagessen nutzten viele die Gelegenheit, sich über das Gehörte auszutauschen.“

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Ausrichter und Gastgeber des Fachtages war die AllgäuPflege gGmbH. Deren Geschäftsführer Ulrich Gräf (Foto) begrüßte die Teilnehmer und referierte darüber hinaus zum Thema „Stationäre und ambulante Einrichtungen der Altenpflege als Partner in der Quartiersentwicklung“.

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