Was bedeutet die Pflegeberufereform für Mitarbeiter, Einrichtungen, Patienten und Bewohner?

Im Rahmen der Pflegereform tritt am 1. Januar 2020 das neue Pflegeberufegesetz in Deutschland in Kraft. Es löst das Altenpflegegesetz und das Krankenpflegegesetz ab. Kernpunkt ist die sogenannte Generalistik, also die Vereinheitlichung der Berufsausbildungen in der Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege. Nicole Hillenbrand ist bei der AllgäuPflege gGmbH für das Zentrale Qualitätsmanagement verantwortlich und somit unter anderem direkt mit den veränderten Anforderungen konfrontiert, die die Pflegeberufereform auch für ihr Unternehmen bedeutet. Sie erläutert, was es mit der Generalistik auf sich hat und welche Vor- und Nachteile diese aus Sicht der AllgäuPflege mit sich bringt.

Foto: Nicole Hillenbrand, Credit: Moelle

Interview mit Nicole Hillenbrand von der AllgäuPflege gGmbH
 
Frau Hillenbrand, können Sie kurz erläutern, was sich durch die neue generalistische Pflegeausbildung alles ändert?
Nicole Hillenbrand: „Die bisher getrennt geregelten Ausbildungen in der Gesundheits- und Krankenpflege, der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege und der Altenpflege werden durch die Pflegeberufereform vereint. Am Ende der dreijährigen, generalistischen Berufsausbildung erhalten die Auszubildenden künftig den Abschluss "Pflegefachfrau/Pflegefachmann". Neu ist außerdem das berufsqualifizierende Pflegestudium, das es künftig ergänzend zu der beruflichen Pflegeausbildung geben wird. Hierbei erlangen die Absolventen neben dem Abschluss als Pflegefachfrau bzw. Pflegefachmann auch die Verleihung eines akademischen Grades.“

Und warum das Ganze?
Nicole Hillenbrand: „Ziel der generalistischen Pflegeausbildung ist es, die Pflegekräfte von morgen für die umfassenderen Herausforderungen in der Pflege zu qualifizieren und gleichzeitig – in Zeiten des akuten Pflegenotstandes und Fachkräftemangels - den Pflegeberuf attraktiver zu machen.“

Profitieren die Auszubildenden Ihrer Meinung nach von der Reform?
Nicole Hillenbrand: „Durch die generalistische Ausbildung erhalten die Auszubildenden ein umfassenderes pflegerisches Verständnis, das es ihnen ermöglicht, sich schnell in die jeweiligen Spezialgebiete mit ihren unterschiedlichen Anforderungen einzuarbeiten. Das ist durchaus ein Vorteil. Man muss bedenken, dass sich durch den demographischen Wandel auch die Versorgungsstruktur verändert: In Kliniken werden beispielsweise immer älter werdende Patienten versorgt, wodurch dort vermehrt Wissen im Bereich der Gerontopsychiatrie benötigt wird. Wiederum verkürzt sich die Verweildauer in Kliniken - die Patienten werden schneller nach Hause oder in andere Einrichtungen entlassen und müssen somit im Bereich der häuslichen und stationären Pflege weiter medizinisch versorgt werden.“

Welche Maßnahmen verlangt die Reform den Altenpflegeeinrichtungen ab?
Nicole Hillenbrand: „Die Auszubildenden durchlaufen in Zukunft während der gesamten Ausbildung verschiedene Pflichteinsätze und einen Vertiefungseinsatz, zum Beispiel in der Pädiatrie oder in der geronto-, kinder- oder jugendpsychiatrischen Versorgung. Hierfür müssen zunächst viele Kooperationen geschlossen werden. Für die einzelnen Einrichtungen bedeuten diese Einsätze, dass die Azubis insgesamt deutlich mehr Zeit außerhalb des eigenen Betriebes verbringen. Allerdings gewinnen sie dadurch natürlich auch viel mehr Eindrücke, was ein Gewinn ist.
Auch bei der Fortbildung der Fachkräfte zu Praxisanleitern, ändert sich etwas: Die Weiterbildung wird von 200 auf 300 Stunden erhöht. Zusätzlich müssen jedes Jahr 24 Stunden berufspädagogische Fortbildung absolviert werden. Um das zu stemmen, braucht man motivierte Angestellte, die dies alles auf sich nehmen.“

Wie stehen Sie als Beauftragte der AllgäuPflege gGmbH angesichts all dessen zu der neuen Generalistik?
Nicole Hillenbrand: „Wir sehen mehrere Vorteile. Zum einen werden die Pflegefachfrauen und -männer durch die generalistische Pflegeausbildung in der Lage sein, in allen Bereichen der Pflege tätig zu werden. Dies führt insgesamt zu mehr beruflicher Flexibilität in den verschiedenen Arbeitsbereichen. Zum anderen werden durch das Studium neue Karrieremöglichkeiten eröffnet und zugleich wird das stetig fortschreitende pflegewissenschaftliche Wissen noch besser im Praxisalltag Einzug finden. Insgesamt stehen wir der generalistischen Ausbildung positiv gegenüber, da sie Problemen entgegenwirkt und neue Chancen bietet.“

Welche Chancen?
Nicole Hillenbrand: „Generalistisch ausgebildete Pflegekräfte können ihren Arbeitsplatz im Bereich der Pflege ohne Einschränkungen wählen. Auch Wechsel- oder Einsatzwünsche während des Berufslebens stellen eine geringere Barriere dar – so verbleiben möglicherweise insgesamt mehr Menschen im Berufsfeld der Pflege tätig. Hinzu kommt, dass es mit dem EU-weit anerkannten Abschluss als Pflegefachfrau bzw. Pflegefachmann möglich wird, innerhalb der EU ohne weitere große bürokratischen Hürden im Bereich der Pflege zu arbeiten. Das ist doch eine tolle Chance für diejenigen, die Auslandserfahrung sammeln wollen.“

Das klingt alles recht positiv. Sehen Sie denn auch Nachteile oder Schwierigkeiten bei der Umsetzung?
Nicole Hillenbrand: „Es gilt durchaus einige Hürden zu überwinden. Beispielsweise wurde inzwischen erkannt, dass es insgesamt zu wenig Pädiatrieplätze als Einsatzstelle für alle Auszubildenden gibt. Dies stellt auch bei uns im Allgäu ein Problem dar. Dem soll entgegengewirkt werden, indem der Pädiatrie-Einsatz beispielsweise auch in Kinderkrippen oder ähnlichen Einrichtungen absolviert werden kann.
Und ganz generell hätten wir uns bei der Reform ein anderes Timing gewünscht. Dieses Jahr stehen viele andere Projekte an, wie beispielsweise die gesetzlich vorgeschriebene neue Qualitätsprüfung und der Expertenstandard Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz. Angesichts der aktuellen Personalsituation in der Pflege wäre es gut gewesen, wenn nicht alles zum selben Zeitpunkt kommt.“

Wie ist die AllgäuPflege für die neuen Anforderungen gewappnet?
Nicole Hillenbrand: „Wir haben einen Arbeitskreis speziell für die Generalistik gebildet und arbeiten gerade gemeinsam an den kommenden Herausforderungen und einem neuen Ausbildungskonzept. Das sehen wir durchaus als Chance. Zudem bieten wir mehreren Mitarbeitern die Möglichkeit, sich als Praxisanleiter weiter zu qualifizieren. Außerdem werden wir in naher Zukunft von einem Bildungsreferenten unterstützt – was für uns einen großen Gewinn darstellt.“

Wie viele Ausbildungsplätze gibt es bei der AllgäuPflege?
Nicole Hillenbrand: „Wir verfügen über insgesamt 29 Ausbildungsplätze, die sich auf die unterschiedlichen Standorte in Sonthofen, Immenstadt, Blaichach und Altusried verteilen.